Regu­lie­rungsflut durch Stan­dards begegnen

Interview mit Verena Kret­schmer – Lebens­mit­tel­che­mi­kerin, leitet den Fach­be­reich Qua­lität bei der Min­der­leins­mühle – 7. Juni 2024

Als 12tes Unter­nehmen hat die Min­der­leins­mühle im Februar 2024 das We-Care-Audit bestanden. Verena Kret­schmer, Fach­be­reichs­lei­terin Qua­lität, berichtet, wie es zur Ent­scheidung für diesen Manage­ment­standard kam, welche Rolle dabei die B2B-Partner spielen und wie das Unter­nehmen mit der zuneh­menden Regu­lierung aus Brüssel umgeht.

Frau Kret­schmer, die Min­der­leins­mühle ver­ar­beitet Roh­waren aus aller Welt, unter das Lie­fer­ket­ten­gesetz fällt Ihr Unter­nehmen bislang nicht. Weshalb enga­gieren Sie sich dennoch für Nach­hal­tigkeit in Ihrem Lie­fer­ket­ten­ma­nagement?

Verena Kret­schmer:Das Fami­li­en­un­ter­nehmen Min­der­leins­mühle exis­tiert seit über 200 Jahren, und selbst­ver­ständlich pflegen wir auch heute lang­jährige Bezie­hungen zu unseren Lie­fe­ranten. Ver­trau­ens­volle Lie­fe­ran­ten­be­zie­hungen sind ein starkes Pfund, und damit geht man – wie in jeder guten Part­ner­schaft – respektvoll und wert­schätzend um. Darüber hinaus gehört für uns als Bio-Unter­nehmen die Wert­schätzung für Mensch und Natur seit je her zu unserem Selbst­ver­ständnis. Unsere Unter­neh­mens­vision lautet nicht von ungefähr: BIO – gut und viel­fältig für Mensch und Natur. Und das schließt alle Men­schen ein.

So ein aus­ge­prägtes, indi­vi­du­elles Wer­te­ver­ständnis reicht dem Markt schon lange nicht mehr aus, Stan­dards und Zer­ti­fikate werden ein­ge­fordert. Wie gehen Sie damit um?/em>

Verena Kret­schmer: Einen wesent­lichen Teil unseres Umsatzes erzielen wir mit Private Label-Pro­dukten. Viele unserer grö­ßeren Partner ver­langen von uns Sozial- und Umwelt­stan­dards entlang der Lie­fer­kette – und das nicht erst seit dem Lie­fer­ket­ten­sorg­falts­pflich­ten­gesetz (LkSG). Wir haben in den letzten Jahren Erfah­rungen mit ver­schie­denen Stan­dards gesammelt, u. a. mit BSCI und SMETA/SEDEX. Jedes dieser Pro­gramme hat seinen Nutzen, wirklich über­zeugt haben sie uns jedoch nicht. Dann wurden wir durch Alnatura und AÖL auf den We-Care-Standard auf­merksam. Der ganz­heit­liche, umfas­sende Blick von We Care über die vier Hand­lungs­felder Unter­neh­mens­führung, Lie­fer­ket­ten­ma­nagement, Umwelt­ma­nagement und Mit­ar­bei­ter­ver­ant­wortung geht deutlich über die sin­guläre Betrachtung vieler Stan­dards hinaus. We Care ordnet die Pro­zesse so, wie wir es als sinnvoll erachten, ins­be­sondere in der Lie­fer­kette.

Sie sagen, dass We Care das gesamte Unter­nehmen betrachtet. Was bedeutete dies für die ein­zelnen Unter­neh­mens­be­reiche?

Verena Kret­schmer: Unsere Pro­zesse waren schon vorher gut doku­men­tiert, insofern hielt sich hier der Aufwand zur Adaption an We Care in Grenzen. Unser Einkauf war sicherlich der­jenige Bereich mit den wei­test­ge­henden Ver­än­de­rungen, da alle Lie­fe­ranten neu befragt werden mussten. Das Thema Tierwohl zum Bei­spiel hatten wir bislang über­haupt nicht abge­fragt. Auf­grund unserer Pro­dukt­vielfalt – wir ver­ar­beiten ca. 500 ver­schie­denen Roh­waren von unter­schied­lichsten Lie­fe­ranten – war der Befra­gungs­aufwand ent­spre­chend groß.

Mussten Sie als Ver­ant­wort­liche Über­zeu­gungs­arbeit leisten?

Verena Kret­schmer: Wir haben einen erwei­terten Füh­rungs­kreis zwi­schen allen Fach­be­reichen. Darin pflegen wir eine sehr gut funk­tio­nie­rende Dis­kus­sions- und Bera­tungs­kultur, d. h. wir infor­mieren, besprechen und beraten uns gegen­seitig zu allen über­grei­fenden Themen. Die Sinn­haf­tigkeit von We Care war für alle im Team gut nach­voll­ziehbar, so dass auch die Kol­le­ginnen und Kol­legen aus dem Einkauf ver­gleichs­weise leicht in den We-Care-Prozess ein­steigen konnten.

Mit dem LkSG, der CSRD und den Green Claims, um nur einige zu nennen, kommen immer mehr staat­liche Anfor­de­rungen auf die Unter­nehmen zu. Ent­lastet Sie We Care im Umgang mit diesen zahl­reichen Regu­lie­rungen?

Verena Kret­schmer: Ich hoffe es. Weil wir in vielen Punkte schon viel weiter sind als die meisten kon­ven­tio­nellen Unter­nehmen, ist es etwas frus­trierend jetzt so umfang­reiche, teil­weise sehr büro­kra­tische Anfor­de­rungen vor­ge­setzt zu bekommen. Stell­ver­tretend nenne ich das Thema Faire Lie­fer­ketten. Ich befürchte, dass gerade wir klei­neren Unter­nehmen vor lauter Büro­kratie zu wenig in die Umsetzung kommen. Aber die Gesetze sind nun mal da oder werden absehbar kommen, deshalb ver­suchen wir durch einen sinn­vollen Mix aus Stan­dards und gelebten Ver­hal­tens­weisen unseren büro­kra­ti­schen Aufwand gering zu halten. Auch wenn die Erfah­rungen mit We Care noch zu kurz sind, gehe ich davon aus, dass uns We Care als Gewähr­leis­tungs­marke, die umwelt­be­zogene Eigen­schaften garan­tiert, helfen wird. Auch halte ich die Kom­bi­nation We Care und EMAS für ziel­führend und effi­zient.

Wie gehen Sie mit Green Claims und der CSRD um?

Verena Kret­schmer: Ich hoffe es. Wir haben bereits in der Ver­gan­genheit eine trans­pa­rente und fak­ten­ba­sierte Kom­mu­ni­kation betrieben. So werden wir auch in Zukunft keine ver­all­ge­mei­nernden Aus­sagen treffen, die wir nicht belegen können. Die Bio-Zer­ti­fi­zierung und auch der Verweis auf die We-Care-Zer­ti­fi­zierung wird uns in einer Green Claims adäquaten Kom­mu­ni­kation unter­stützen. Auch hier sehe ich ein Potential des We-Care-Stan­dards.

Das Gespräch führte Volker Laen­gen­felder

Die Lebens­mit­tel­che­mi­kerin Verena Kret­schmer (46) leitet den Fach­be­reich Qua­lität bei der Min­der­leins­mühle. Das Fami­li­en­un­ter­nehmen aus dem frän­ki­schen Neun­kirchen am Brand ist ein Getrei­de­spe­zialist und stellt mit seinen ins­gesamt rund 480 Mit­ar­bei­tenden ein viel­fäl­tiges Bio-Sor­timent her, u. a. Müslis und Cerealien, süße Gebäcke, Gewürze und Back­zu­taten.