Blinde Flecken finden und beheben
Interview Philip Luthardt – 6. Juli 2022

Über Herzblut und Hemds­är­me­ligkeit sowie Struk­turen und Stan­dards bei einem Bio-Pio­nier­un­ter­nehmen und was das alles mit We Care zu tun hat, sprachen wir mit Philip Luthardt, dem Leiter des Nach­hal­tig­keits­ma­nage­ments der Bohl­sener Mühle.

Herr Luthardt, die Bohl­sener Mühle wurde als eines der ersten Unter­nehmen 2021 We-care-zer­ti­fi­ziert, in diesem Jahr erfolgte das Über­prü­fungs­audit. Was hat sich in diesem einem Jahr bei Ihnen ver­ändert?

Philip Luthardt: Als Bio-Pio­nier­un­ter­nehmen tun wir seit mehr als 40 Jahren viel im Bereich Nach­hal­tigkeit. Unser ste­tiges Wachstum und die rasant größer wer­denden glo­balen Her­aus­for­de­rungen wie Kli­ma­wandel oder Arten­schwund bringen auch für uns immer neue Her­aus­for­de­rungen und einen per­ma­nenten Ver­bes­se­rungs­bedarf mit sich. So haben wir im ersten We-Care-Audit fest­ge­stellt, dass wir viele Pro­zesse zwar mündlich abge­stimmt aber eben nicht optimal beschrieben und doku­men­tiert hatten. Dieses Vor­gehen funk­tio­nierte, als wir noch ein klei­neres Unter­nehmen waren, doch inzwi­schen arbeiten hier fast 300 Men­schen. Jetzt brauchen wir klarere Pro­zesse, auch für alle Fragen der Nach­hal­tigkeit. We Care führte dazu, dass wir gerade im Lie­fer­ket­ten­ma­nagement die Vor­gänge besser beschrieben und doku­men­tiert haben.

Mit welchem Ergebnis?

Philip Luthardt: Zunächst können wir beim Thema Lie­fer­ket­ten­gesetz ent­spannt sein, daran hat We Care einen großen Anteil. Im Detail bedeutet dies, dass wir jetzt trans­pa­rente Wege und klare Vor­gaben im Beschaf­fungs­prozess haben, sowohl intern als auch gegenüber unseren Partnern. Und wir doku­men­tieren alles. Bei­spiels­weise betrachten wir nun neben der öko­lo­gi­schen auch die soziale Ver­ant­wortung mit kon­kreten Vor­gaben und Nach­weisen bei unserem Ent­schei­dungs­prozess für Roh­stoffe und Lie­fe­ranten.

Das klingt ziemlich büro­kra­tisch…

Philip Luthardt: Das ist eine Frage der Per­spektive. Einer­seits sind weitere Abstim­mungs­pro­zesse hin­zu­ge­kommen, ande­rer­seits wissen die Kol­le­ginnen und Kol­legen nun viel klarer, worauf im Bereich Nach­hal­tigkeit zu achten ist. Dem Prinzip Zufall haben wir damit einen Riegel vor­ge­schoben, und das gibt Sicherheit. Darüber hinaus können sich neue Mit­ar­bei­tende jetzt viel leichter ori­en­tieren. Besonders wichtig aus meiner Sicht ist aber auch die Fort­schreibung wesent­licher Kenn­zahlen, denn sie ermög­licht uns eine Kon­trolle über Ent­wick­lungen. In den Gesprächen mit unseren Lie­fe­ranten haben wir somit ver­läss­liche Daten. So wissen wir nun immer, ob wir auf der Spur sind oder etwas ver­ändern müssen. So konnten wir bereits manchen blinden Fleck finden und beheben.

Wie wichtig sind solche Stan­dards für regionale Lie­fe­ranten, die ja bei Ihnen den größten Anteil aus­machen?

Philip Luthardt: In der Tat kommen 75 Prozent unserer Roh­stoffe aus Deutschland oder der Region. Was die Ein­haltung von öko­lo­gi­schen und sozialen Min­dest­stan­dards angeht, spielt es für uns keine Rolle, ob ein Lie­ferant aus der unmit­tel­baren Umgebung oder aus einem Land mit gewissen Risiken für die Ein­haltung von Men­schen­rechten oder der ILO-Kern­ar­beits­normen kommt. Bio­lo­gi­scher Anbau oder akzep­table Arbeits­be­din­gungen können ja keine Frage der Region sein. Wenn einer unserer regio­nalen Partner bei sich Sai­son­ar­beiter beschäftigt, hat auch er für gute Arbeits­be­din­gungen und eine ange­messene Bezahlung zu sorgen. Wie wir unsere Pro­zesse ver­bessert haben, zeigt der Umgang mit unserem Code of Conduct. Diesen Ver­hal­tens­kodex haben wir 2017 ein­ge­führt und allen Partnern geschickt. Neue Lie­fe­ranten mussten das Dokument von vorn­herein unter­schreiben, doch bei unseren bestehenden Lie­fe­ranten haben wir das nicht sauber geprüft bzw. sind darüber nicht in den Aus­tausch gegangen. Durch We Care haben wir die Lücke auf­ge­spürt, jetzt erfüllen wir auch diesen Com­pliance Faktor. Vor allem aber schärfen wir das Bewusstsein für Nach­hal­tigkeit, sowohl bei uns selbst als auch bei Dritten.

Ein geschärftes Bewusstsein – wie zeigt sich das?

Philip Luthardt: We Care ist keine Scha­blone, sondern fordert von den Betei­ligten ein, sich mit Nach­hal­tigkeit zu beschäf­tigen, und zwar nicht beliebig, sondern entlang klarer Kri­terien. So wird unser Handeln trans­parent und auch für Dritte nach­voll­ziehbar. Ein Bei­spiel aus dem Per­so­nal­be­reich: Hier haben wir für zwei Kol­legen deren vor Jahr­zehnten lediglich mündlich geschlos­senen Arbeits­ver­träge in eine schrift­liche Form gebracht. Das mag banal klingen, bedeutet für alle Betei­ligten jedoch ein hohes Maß an Klarheit und letztlich Sicherheit.

Und was bedeutet We Care für Sie als Nach­hal­tig­keits­ver­ant­wort­licher?

Philip Luthardt: Bis We Care musste ich häufig die Kol­le­ginnen und Kol­legen von diesem oder jenem Ansatz über­zeugen, auch wenn ich natürlich die Geschäfts­führung hinter mir wusste. Jetzt sind die aus der Nach­hal­tig­keits­ab­teilung heraus for­mu­lierten Anfor­de­rungen ein wich­tiger Bestandteil von Ent­schei­dungen in allen Bereichen geworden. Min­destens einmal jährlich sitzen die Abtei­lungs­ver­ant­wort­lichen und ich nun zusammen, wir reflek­tieren das Erreichte und treffen Ent­schei­dungen. Dadurch jus­tieren wir das Unter­nehmen auch aus Sicht der Nach­hal­tigkeit immer wieder aufs Neue. Letztlich hat We Care dazu geführt, dass wir im Bereich Nach­hal­tigkeit noch struk­tu­rierter und plan­barer arbeiten und uns so auch fit für die Zukunft machen.

Der für die Branche so typische „Bio-Geist“, leidet dieser dann nicht bei so vielen Pro­zessen?

Philip Luthardt: Eine wichtige Frage! Am Ende ent­steht Nach­hal­tigkeit aus meiner Sicht zwi­schen den beschrie­benen Pro­zessen. Wenn nur in Pro­zessen gedacht wird, dann wird Bio tat­sächlich tech­no­kra­tisch. Aber Bio lebt von den mensch­lichen Bezie­hungen, ein Manage­ment­system ist immer nur eine Hil­fe­stellung. Das bringt auch ein Satz aus unserem Leitbild gut zum Aus­druck: „Den Weg zum zukunfts­fä­higen Wirt­schaften muss man aus­halten.“ Also auf einem Wer­te­system auf­bauend sich Ziele setzen, sich dafür ein­setzen, darüber auch streiten können und dann natürlich auch die gemein­samen Erfolge feiern. Dafür braucht man Herzblut, und davon haben wir eine ganze Menge hier in Bohlsen!

Das Gespräch führte Volker Laen­gen­felder.

Philip Luthardt (37) ist seit 2016 Leiter des Nach­hal­tig­keits­ma­nage­ments der Bohl­sener Mühle. Das Unter­nehmen aus Bohlsen bei Uelzen mit rund 300 Mit­ar­bei­tenden stellt über 200 Artikel her, vor allem frische Back­waren, Dau­er­back­waren, Getrei­de­spe­zia­li­täten und Früh­stück­sce­realien. Seit der Gründung 1979 führt Volker Krause die Bohl­sener Mühle.